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Ungeplant Schwanger: Stigma und Tabu-Thema?

Ungeplante Schwangerschaft

Ungeplant Schwanger: Stigma und Tabu-Thema?

„Hallo, mein Name ist Elena und ich bin ungeplant im 6. Monat schwanger.“ – „Hallo Elena.“ Okay, so läuft das natürlich nicht, denn ich bin (leider) kein Mitglied einer Selbsthilfegruppe für ungeplant Schwangere. Gelegentlich wünsche es mir aber insgeheim. Warum? Weil eine ungeplante Schwangerschaft irgendwie immer mit einem Stigma belegt ist.

Ungeplante Schwangerschaft – das Stigma

Bei den Worten „ungeplante Schwangerschaft“ schießen jedem Menschen automatisch Bilder und Assoziationen in den Kopf. Wir denken zum Beispiel an Teenie-Mütter im Fernsehen, Vergesslichkeit beim Einnehmen der Pille, Nachlässigkeit bei anderen Verhütungsmethoden oder Unwissenheit. Alles irgendwie unschön, oder? Und nichts davon scheint so richtig zu mir zu passen: Ich bin 29 Jahre alt (also definitiv kein Teenie mehr), stehe mitten im Leben, habe einen Job und bereits eine zweieinhalbjährige Tochter. Dass ich überhaupt noch einmal schwanger wurde, war ein absoluter Zufall, wie ich bereits in diesem Artikel geschrieben habe.

Genau daher erwartet auch niemand, dem ich von der Schwangerschaft erzähle, dass sie ungeplant war. Jeder freut sich: „Oh wie schön, ein Geschwisterchen!“ Das passt ins Bild oder besser gesagt ins Klischee. Ende 20, gebildet, erwerbstätig, zwei Kinder. So hat das zu sein. Und genau deshalb verrate ich es auch kaum jemandem, dass das eben so alles gar nicht geplant war.

Was sollen die Leute denken?

Bei anderen Themen ist mir die Meinung fremder Menschen relativ egal. Als ich heute einen sehr turbulenten Tag hatte und nachmittags kaum mehr aufhören konnte zu weinen, bin ich mit verheulten, Mascara-verschmierten Augen einkaufen gegangen. Na und? Streiten mein Mann und ich uns in der Öffentlichkeit, ermahnt er mich gelegentlich, leiser zu sprechen. Es müsse ja nicht jeder mitbekommen. Mir doch egal! Und wenn meine Tochter beim Einkaufen Theater macht, dann weise ich sie auch in aller Deutlichkeit zurecht. Was interessiert mich die Meinung der Umstehenden?

Anders ist es bei diesem Thema. Niemals würde ich auch die Idee kommen, meinen KollegInnen davon zu erzählen, dass die größer werdende Kugel nicht geplant war. Denn hierbei geht es doch um etwas so Persönliches, das ich es eben nur mit meinen aller engsten Vertrauten teile.

Alle deine Freunde freuen sich mit dir

Ein großer Faktor ist dabei nämlich, dass es eben niemand erwartet, dass diese Schwangerschaft ungeplant sein könnte. So reichen die Reaktionen von „Ohhhhh, wie schön!!“ über „Dann sind die beiden ja etwa 3 Jahre auseinander. Das passt ja perfekt!“ bis zu „Ein Junge, wie toll! Dann habt ihr ja ein Pärchen. Habt ihr euch das auch so gewünscht?“

Die ehrliche Antwort wäre natürlich „Puh, also um ganz ehrlich zu sein, hatten wir es uns gar nicht gewünscht.“ Aber wer sagt denn sowas? Niemand, oder? Die Freude der Umstehenden ist so groß, dass zumindest ich es nicht übers Herz bringen würde, diese durch meine Antwort in ein peinlich betretenes Schweigen zu verwandeln. Zudem möchte ich auch niemanden in die Situation bringen, darauf dann wieder etwas passendes zu erwidern. Also lass ich es einfach bleiben.

Schuldig im Sinne der Anklage

Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Punkt, warum ich die Hintergründe der Schwangerschaft eher für mich behalte, sind die Geschichten von anderen Paaren zu ihrem Kinderwunsch. Hier wird die ungeplante Schwangerschaft tatsächlich zum Tabu-Thema. Manche Paare probieren es jahrelang und es klappt nicht, müssen Fehlgeburten durchleben oder IVF-Therapien durchstehen. Und dann gibt es da meinen Mann und mich: die Ultra-Fruchtbaren, die Olympiasieger der Empfängnis. Die, die beim ersten Kind sofort schwanger werden. Und dann ein zweites Kind erwarten, obwohl der Eisprung schon zwei Wochen zuvor hätte stattfinden müssen.

Was muss das für ein Schlag ins Gesicht von ungewollt Kinderlosen sein, wenn ich ihnen bei der Schwangerschaftsverkündung diese Geschichte auf die Nase binde. Unwissend darüber, wie es um ihren eigenen unerfüllten Kinderwunsch steht. Ihre Geschichten machen mich so traurig, dass ich mich gleichzeitig ein bisschen schuldig für meine überperformende Fruchtbarkeit fühlen würde.

Ungeplant Schwanger sein kann einsam sein

Ich freue mich über jeden, der sich für mich freut. Freunde, die mich in den Arm nehmen und mir gratulieren, Familienangehörige die sich auf ein neues kleines Mitglied freuen. Dennoch macht es diese Schwangerschaft auch irgendwie einsam. Denn ich trage nicht nur die größer werdende Kugel mit mir herum, sondern eben auch dieses Geheimnis, dass ich immer und immer wieder überspielen muss. Das fühlt sich manchmal ganz schön einsam an. Ich habe das Gefühl, die Ängste und Sorgen, die mit dieser neuen Schwangerschaft einhergehen, nicht wirklich teilen zu können. Weil es eben keine Selbsthilfegruppe für ungeplant Schwangere gibt. Als Ventil nutze ihn nun unter anderem diesen Blog und schreibe mir meinen Kummer von der Seele. Und dich möchte ich an dieser Stelle auffordern, auch gern einfach einen Kommentar zu hinterlassen. Bist du ungeplant schwanger? Wie kommst du zurecht? Hast du Sorgen? Dann lass uns einander unterstützen, einfach, indem jemand zuhört, bzw. liest.

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