Ein geschenkter Sommer

Wie ich letzte Woche erzählt habe, fing meine Schwangerschaft im totalen Chaos an.
Ich konnte mir nur immer wieder wie ein Mantra vor mich hinsagen: Alles wird gut, das Baby ist das Wichtigste – das mit dem Job wird sich fügen. Sonst wäre ich durchgedreht.

Obwohl wir uns also ganz wahnsinnig freuten, war die Situation mehr als angespannt.
Ich hatte mich dafür entschieden, dass der Arbeitgeber, für den ich drei Jahre lang Überstunden gemacht hatte, auch der Arbeitgeber sein sollte, bei dem ich meine Elternzeit verbrachte. Die Alternativen: Arbeitslosigkeit und kein Elterngeld oder einen neuen Arbeitgeber verärgern, indem ich schon schwanger dort anfinge. Beides stand nicht zur Debatte. 

Spätestens als ich erfuhr, dass es wohl einige versteckte Gründe gegeben hatte, mich zu kündigen, empfand ich null Mitleid mehr mit dem Büro. Beispielsweise stellte sich heraus, dass meine Chefin und ich eine gemeinsame Bekannte hatten die über meine Familienplanung informiert war. Kein Wunder, dass die „Sozialauswahl“ bei der Kündigung ausgerechnet mich getroffen hatte, und nicht meine jüngeren Single-Kolleginnen oder meine männlichen Kollegen.

Mein Arbeitgeber reagierte zunächst eine Woche gar nicht auf die Nachricht, dass ich schwanger war. Er wartete bis einen Tag vor der Klagefrist ab, um dann so zu tun als hätte sich damit alles erledigt, ich solle sofort wieder ins Büro kommen.
Der Zeitpunkt war bewusst gewählt – meine Anwältin war im Urlaub, was dem Büro bekannt war. Mittlerweile hatten wir aber schon Klage eingereicht. Gut, dass mir meine Anwältin gesagt hatte, dass nur eine schriftliche Anerkennung der Klage rechtswirksam wäre. Die E-Mail des Arbeitgebers war letztlich nur eine Finte, um mich in Sicherheit zu wiegen und von der Klageerhebung abzuhalten.

Es folgten weitere zwei Monate, in denen das Büro versuchte, mich mit Händen und Füßen loszuwerden. Aber alle rechtlichen Tricks und auch ein Abfindungsangebot halfen nichts.
Ende Februar dann erkannte der Arbeitgeber die Klage endlich an, sie hatten eingesehen, dass sie keine Chance hatten. Im Büro erzählten sie, man habe mich „zurücknehmen müssen“, weil ich schwanger sei, und „die Gesetze das nunmal so vorsehen“. Die Kollegen aus meinem Zimmer wurden umgesetzt, sodass nur noch mein Arbeitsplatz alleine darin stand. Von mir verlangte man einen neuerlichen ärztlichen Nachweis, dass die Schwangerschaft auch wirklich noch bestünde.

In diese Situation konnte ich nicht zurückgehen. Ich bekomme heute noch Schweißausbrüche wenn ich darüber nachdenke. Ich mobilisierte meine Ärzte. Die Gyn schickte mich zur Hausärztin, die Hausärztin zur Psychiaterin. Ich war in meinem Leben noch nicht so oft beim Arzt wie in diesen Wochen. Dazu kamen natürlich die regelmäßigen Untersuchungen und Tests die man in der Schwangerschaft halt so hat. Nach einem Ärzte-Marathon hielt ich Ende April endlich ein Beschäftigungsverbot in Händen.

Damit hat sich für mich Vieles gelöst: ich muss keinen regelmäßigen Kontakt mehr zu meinem Arbeitgeber halten und bekomme weiterhin mein volles Gehalt. Außerdem wird ein Beschäftigungsverbot auch beim Elterngeld voll anerkannt bzw. das Gehalt davor angerechnet. Der Preis dafür waren aber vier Monate Psychoterror und eine sehr bewegte Frühschwangerschaft. Sich Sorgen um ein entstehendes Baby zu machen während sich die Hormone umstellen ist anstrengend genug, gleichzeitig aber noch existenzielle Probleme zu klären die totale Überforderung. Ich hoffe sehr, es hat der Kleinen nicht geschadet. 

Bemerkenswert waren aber zwei Dinge: erstens, wie gut die Beziehung mit meinem Mann in dieser Krisensituation funktioniert hat. Als hätte man einen Schalter umgelegt haben wir beide alles stehen und liegen gelassen und gemeinsam an einem Strang gezogen. Das hat unsere Ehe definitiv nochmal stärker gemacht.
Und zweitens: seitdem ich zum ersten mal eine Ultraschallaufnahme meines Babys gesehen habe war mir alles andere egal. Und damit meine ich nicht die komischen Aufnahmen am Anfang, die aussehen wie eine Amöbe. Ich meine das erste Bild, bei dem ein Kopf und Händchen und Füßchen zu sehen waren, bei dem man gemerkt hat: das wird wirklich ein kleiner Mensch.

Später bekam ich dann besagtes Beschäftigungsverbot kurz bevor „Halbzeit“ war. Die Kombination dieser beiden Dinge hat mich dann sehr beruhigt. Plötzlich war der Stresspegel von 100 auf 10 gefallen. (Seien wir ehrlich, ein bisschen Sorgen macht man sich ja immer.)
Spätestens seitdem ist also alles unstressig und ich bin überglücklich. Ich versuche jetzt die ganze Entspannung nachzuholen, die das Baby am Anfang nicht hatte. Zudem hat sich das Karma eine gute Jahreszeit ausgesucht. Als Entschädigung bekomme ich jetzt einen geschenkten Sommer 🙂

Quelle: Bild © pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.