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Die Sache mit den Abgängen

Die Sache mit den Abgängen

Eine der besseren Ideen, die ich je hatte, war es, den Schwangerschaftstest an einem freien Tag durchzuführen. So hatten wir einen kompletten Tag Zeit, um in verwirrt-verworrener Glückseligkeit bis hoch zum Himmel zu jauchzen und auch wieder herunterzukommen, zumindest ein bisschen, mit den Zehen wieder an den Boden.

Viel Zeit zum Verschnaufen gab es natürlich nicht.

Wie der Mehrheit der Frisch Schwangeren stellte sich auch mir die Frage: Wann und wie soll ich meine Freunde und Familie, und wann und wie meinen Arbeitgeber von der Schwangerschaft informieren?

Drei Monate abwarten – der Klassiker

Klassischerweise wartet man oft die berüchtigten ersten 12 Wochen ab, ehe man eine Schwangerschaft bekannt gibt. Dem zugrunde liegt die Annahme, dass ein Abgang in den ersten drei Monaten recht häufig vorkommt. Und man ja nichts verschreien will, oder viel Wirbel um nichts machen.

Schon das Wort Abgang klingt, wie so einige medizinische Begriffe im Deutschen (vgl. Abtreibung oder Austreibungsphase), hart und lieblos. Man kann darüber streiten, ob das angebracht ist – eine Schwangerschaft aus Angst davor, dass sie in einem Spontanabort enden kann, zu verschweigen, um anschließend auch den Spontanabort für sich zu behalten.

photo by sincerely media via unsplash

Irgendwie dafür – das geht niemanden was an

Man kann es als Schutz der Privatsphäre sehen. Man kann sich so, im Fall der Fälle, viele tröstende Worte ersparen, die zwar womöglich gut gemeint sind, aber mehr verletzen, als Wunden heilen. Es war ja noch so früh. Na ja. Ab wann darf man denn traurig sein und um das trauern, was man da verloren hat? Ein potenzielles Leben, ein potenzielles Kind. Für so manchen bereits ein Kind (und für andere nur ein Zellhaufen). Viel Vorfreude, die da abgeht. Oder darf man sich nicht freuen? Bis wann muss man sich die Vorfreude verkneifen, ab wann ist es erlaubt, froher Hoffnung zu sein?

Irgendwie dagegen – man ist nicht allein

Andererseits hält uns diese Verschwiegenheit natürlich von der Normalisierung eines sehr häufigen, natürlichen Ereignisses ab. Etwa 10-15 % aller Schwangerschaften enden ohne ersichtlichen Grund noch in einer frühen, die meisten davon in einer sehr frühen Phase. Daher geht ein Trend durchaus dazu, die Schwangerschaft schon früher zu verkünden, auch, um dann ein Netz an Leuten zu haben, die einem in einem solchen, trotz seiner Häufigkeit und Normalität nicht weniger traurigem Fall beiseite stehen können. Und um das Signal an andere Frauen und Paare zu senden: Ihr seid nicht allein.

Graustufen und Meilensteine

Die Entscheidung, wie, wo, warum man im Bekanntenkreis seine Schwangerschaft mitteilt, bleibt letztendlich eine sehr persönliche. Und es gibt genug Nuancen zwischen einem fetten, öffentlichen Instagram Post und Geheimhaltung auf CIA-Level.

Während Georg mit beiden Extremen und allem dazwischen recht OK gewesen wäre, war für mich etwas anfängliche Zurückhaltung der richtige Weg. Auch bei der Schwangerschaft gibt es so etwas wie Meilensteine. Die ersten paar Tage, die ersten paar Wochen. Die Feststellung der klinischen Schwangerschaft, die Feststellung des Herzschlags. Der erste Ultraschall. Unter Umständen das Ersttrimester-Screening, oder das Organscreening. Die ersten 24 Wochen, ab denen ein Fötus als überlebensfähig eingestuft wird. Die Lungenreife. Und dann die 38. Woche, ab der das Baby nicht mehr als Frühgeburt gilt. Bis zur letzten Stufe wollten wir zwar nicht warten, aber zumindest noch ein paar Wochen.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Arbeitgeber.

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