Introduction

Im Wartezimmer

Im Wartezimmer

Im Wartezimmer, mit Ende 20, fühle ich mich plötzlich wie ein ahnungsloser Teenager. Als wäre ich komplett ungeplant schwanger, weil ich dachte, der Storch bringt die Kinder. Irgendwie ertappt beim Sex. Als wäre nun die Katze aus dem Sack, als ob erst jetzt klar sei, dass sexuell aktiv bin. Und gleichzeitig wie ein Hypochonder, ein Hochstapler, ein neurotisch-bipolarer Möchtegern, der kleinen Dingen zu viel Gewicht gibt, sie bedeutungsschwanger macht. Der beim kleinsten Wehwehchen zum Arzt rennt. Wie ein Idiot, der zu blöd ist, richtig auf ein Stäbchen zu pinkeln.

Alles nur Routine

So fühlt es sich an. Dabei ist das für meine Gynäkologin auch nur ein Routinetermin, wie sie ihn wahrscheinlich 20 Mal die Woche hat. Jemand hat einen Schwangerschaftstest daheim gemacht, einen dieser mittlerweile spottbilligen Pappstreifen zum drauf pieseln. Meint einen zweiten Streifen gesehen zu haben, und geht jetzt lehrbuchmäßig ärztlich überprüfen, was da los ist. Ob eine Schwangerschaft wirklich vorliegt. Natürlich wertet sie nicht. Da gibt es ja auch nichts zu werten. Das ist voll langweilig. Die Wertung ist nur in meinem Kopf. So wie auch die Aufregung.

Warten bis zur 9. Woche

Die gynäkologische Praxis, zu der ich gehe, bestätigt die Schwangerschaften normalerweise mit Ultraschall und nicht vor der 9. Woche. Weil da wenig zu sehen ist, wenn überhaupt. Auch, weil vorher ja so viele Schwangerschaften abgehen. Das so nebenbei zu hören am Telefon, auch wenn sie komplett recht hat und das rational und gut begründet ist – schön ist er trotzdem nicht, dieser Nachgeschmack von der Entwertung früher Schwangerschaften. Oder soll es den Verlust weniger schmerzhaft machen, wenn man noch kein verschwommenes, amöbenartiges Bild davon gesehen hatte, noch nicht offiziell schwanger war? Ich kann mir vorstellen, dass das helfen könnte. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass diese Ungewissheit um das, was war, noch belastender sein kann.

Ich bin nicht schwanger, der Test ist positiv

Als ich daher, wohl wissend, dass ich eigentlich zu früh Alarm schlage, in der 5. Woche, am Tag nach meinem positiven Heimtest, in der Praxis anrufe, versuche ich, möglichst nonchalant zu klingen. Ich achte auf meine Wortwahl: Ich sage ganz bewusst, ich habe einen Test gemacht, der ist positiv. Ich sage nicht, ich habe einen Test gemacht und ich bin schwanger. Ich maße mir nicht an, mir diese Diagnose zu stellen. Nicht ich, daheim, mit einem DIY-Testkit, nicht so früh. Aber schon mal einen Termin ausmachen schadet ja nicht, ich kann ja immer noch absagen, aber ehe ich zu kurzfristig anrufe. So entschuldige ich meinen frühen Anruf. Natürlich ist auch dieser Entschuldigungsdrang unnötig und nur in meinem Kopf.

Ausnahmsweise bekomme ich einen Termin schon in der 8. Woche, weil ich mit giftigen Stoffen hantiere. Kann aber sein, dass das noch zu früh ist, warnt man mich vor.

Zwischen Test und Termin

Die drei Wochen zwischen Test und Termin sind nicht nur wegen der Heimlichtuerei anstrengend. Ich werde zunehmend müder, vielleicht auch wegen der Nervosität. Ein paar Tests mache ich noch im Laufe der Zeit, wird der Streifen schwächer? Bei jedem komischen Ziehen im Bauch mache ich mir Sorgen. Immer wieder renne ich auf die Toilette, um zu überprüfen, dass da auch wirklich kein Blut im Höschen ist. Zwei Tage bleibe ich tatsächlich zu Hause. Weil meine Rückenschmerzen unerträglich werden.

Und dann ist es so weit, der Tag des Ultraschalls. Jetzt machen wir die Box auf und töten die Katze endgültig.

Photo by Jan Canty via unsplash

Es ging schneller als gedacht

Noch vor wenigen Monaten war ich das erste Mal in dieser Praxis und habe von unserem Kinderwunsch erzählt. Nicht nur, aber auch, um quasi den Anfang unseres ein Jahr lang erfolglos probiert-Zeitraums anzumelden, damit man uns das Versuchen bei der Versicherung auch ja glaubt, sollten wir eine Fruchtbarkeitsbehandlung benötigen. So überzeugt war ich innerlich, dass es nicht schnell, nicht spontan klappen würde. Und jetzt hat es keine zwei Monate gedauert. Wie zur Hölle soll ich jetzt der Ärztin ins Gesicht schauen und ihr stocknüchtern sagen, dass wir ungeschützten Sex um den Eisprung rum hatten und ich danach noch bewusst zu Alkohol gegriffen habe? Wie kann ich das erklären, oder gar entschuldigen?

Gebrandmarkt

Mir ist klar, dass ich mit mir zu hart ins Gericht gehe. Härter, als ich es je bei einer anderen Schwangeren tun würde. Ich weiß, es war dumm und naiv und unvorsichtig, aber jetzt weiß ich es besser. Ich kann mir denken, was die Ärztin sagen wird zu der ganzen Sache. Alles halb so schlimm, wahrscheinlich, Hauptsache, ab jetzt wirklich kein Alkohol mehr.

Von meinen früheren Problemen mit Alkohol hatte ich ihr nichts erzählt. Aber vermutet sie etwas? Merkt man es trotzdem? Manchmal fühle ich mich, als hätte ich ein Label auf der Stirn, an dem die Leute sehen können, wie problematisch mein Trinken war. Wie krass es für mich ist, wie viel Scham ich für mich persönlich empfinde. Dass ich die allerletzte bin, die an Silvester hätte trinken sollen, dass ich mich wie das Allerletzte fühle.

Ein bisschen Verfolgungswahn

Ich kenne hier niemanden, und doch: Meine Vergangenheit verfolgt mich. Auch wenn kaum jemand überhaupt etwas weiß, ich habe ständig das Gefühl, aufzufliegen. Sollte ich ihr sagen, dass ich, trotz all der Selbstsicherheit, die ich mir aufgebaut habe, komplett verunsichert bin? Dass ich ein Monster im Koffer mit mir rumtrage? Dass ich wirklich, wirklich das Gefühl nicht loswerde, als hätte ich das alles hier nicht verdient? Dass ich nicht glaube, in diesen Club der Schwangeren, der sich hier im Wartezimmer formiert, jemals, geschweige denn so einfach aufgenommen werden zu können?

Dann werde ich aufgerufen und es geht los.

photo by Sven Brandsma via unsplash

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