Introduction

Schuld und Scham

Schuld und Scham

Es gibt Momente, die sich im Raum-Zeit-Kontinuum zu verlieren scheinen. Der Moment, als der Schwangerschaftstest positiv ausfiel, war so einer. Schuld und Scham prasseln auf einen ein. Ein Augenblick, auf eine Ewigkeit gedehnt.

Moment mal!

Die Zeit steht still, aber die Gedanken rasen. Das kann nicht sein. Das ging zu schnell. Meine Schilddrüse ist noch nicht eingestellt, und ich habe noch keine Eizellen eingefroren, ich habe da gerade über ein Dutzend abartig teurer Spritzen im Kühlschrank liegen, meine Brüste tun doch weh…

Aber da habe ich es, pink auf weiß.

Statt Freude – erstmal Schuld und Scham

Und dann trifft es mich. Allen voran, vor irgendeiner Freude: Schuld. Ich arbeite im Labor, und habe – anscheinend schon schwanger – mit Formaldehyd hantiert. In der Schnelligkeit eines neurotischen Quantencomputers überschlage ich die Zeit, ob da noch das Alles-oder-Nichts-Prinzip galt.

Und dann der noch viel härtere Gedanke: Ich habe Alkohol getrunken. Im Gegensatz zu Gefahrstoffen, die in meinem Arbeitsalltag nicht einfach auszuschließen sind, ist Alkohol ein teratogenes Rauschgift, dass ich mir, komplett bewusst, komplett gewollt, komplett naiv, selbst verabreicht habe. Zur Schuld gesellt sich Scham.

Eine Schattenfigur von bewegten Licht
Photo by Jr Korpa via Unsplash

Alkohol in der Frühschwangerschaft – kommt schon mal vor…

Dabei weiß ich natürlich: Ein beachtlicher Anteil von Schwangerschaften ist nicht geplant. Ich bin natürlich nicht die Erste und auch sicher nicht die Letzte, die während der ganz frühen Schwangerschaft etwas getrunken hat.

Und doch wird mir schlecht vom viszeralen Karussell. Diese Schwangerschaft war geplant, nur nicht so ganz erwartet. Zu Schuld und Scham gesellt sich – zumindest in diesem Moment – Selbstverachtung.

Es hat lange gebraucht, um mein Trinkverhalten in den Griff zu bekommen, so weit, dass ich ein normales Leben führen konnte, dass ein Kinderwunsch überhaupt im Bereich des Möglichen war. Ich wusste doch, ich könnte schwanger geworden sein, auch wenn es sich nicht so angefühlt hat – wenn es nicht auszuschließen war, hätte ich den Alkohol ausschließen sollen. Warum also habe ich mich an den Feiertagen gehen lassen? Nach tausendmal Verzicht komme ich gerade jetzt auf die Idee, mir ein paar Drinks zu gönnen. War das ein unterbewusster Akt der Selbstsabotage? Vielleicht will mir ein tiefer, dunkler, aber brutal ehrlicher Teil von mir sagen, dass es zu spät ist und ich zu kaputt gesoffen.

Denkst du wirklich, du könntest das, Mutter sein? Du mazeriertes, halbtrockenes Stück Frau?

Im nächsten Beitrag geht es um mein Trinkverhalten und wie ich Georg die Schwangerschaft mitteile.

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