Introduction

Abtreibung ist meine erste Wahl

Abtreibung ist meine erste Wahl

Die erste Reaktion, als ich Hugo, dem „Vater“ meines Kindes von der Schwangerschaft erzählt habe, war: „Abtreibung ist meine erste Wahl“.

Ich war geschockt von dieser Aussage. Theoretisch bliebe noch Zeit, praktisch konnte ich mir einen Abbruch allerdings überhaupt nicht vorstellen. Auch wenn ich nicht wusste, wie das wohl alles werden würde als Alleinerziehende. Ganz offensichtlich war er nicht „an Board“.

Eine skurrile Kulisse

Trotzdem wollte er am nachfolgenden Tag in Ruhe über alles reden. Wir trafen uns in einem Naturpark mit Tieren. Es war Sonntag und primär waren dort Familien unterwegs.

Eine skurrile Kulisse für ein derartiges Gespräch.

Die eigenen Bedürfnisse

Wir begannen mit belanglosem Smalltalk über gemeinsame Bekannte, das Wetter usw. Nach dieser Aufwärmphase ging es „zur Sache“. Er erzählte, dass er über die Schwangerschaft nachgedacht habe und versicherte mir erneut, dass er sich auf keinen Fall ein weiteres Kind wünsche, geschweige denn Sorge tragen wolle. Er erzählte von Freunden, die ebenfalls mehrere Kinder in mehreren Städten haben und deren eigenes Leben „beendet“ sei, da sie nur nach den Regeln der Mütter besuchen dürften und praktisch das ganze Wochenende unterwegs seien. Die eigenen Bedürfnisse kämen dabei viel zu kurz.

Er will seine Freiheit genießen

Er wolle nun neben seinem Leben in Deutschland regelmäßig in Portugal surfen und seine Freiheit als Single genießen. Dafür hat er dort kürzlich ein Häuschen gekauft und lässt es nach seinen Wünschen umbauen. Außerdem wolle er sich Zeit für die Aufarbeitung und Reflexion diverser Themen nehmen (Beziehung zum Vater, Ex-Beziehung zur Ex-Partnerin usw.)

Ich versicherte ihm, dass ich nichts von ihm verlangen würde, das er nicht selbst zu geben bereit wäre. Zudem hatte ich nichts dagegen, dass er sich erstmal um seine Themen kümmert und dann für das Kind da ist. Auch nach diesen Vorschlägen beschrieb er es als aussichtslos, seine Vaterrolle einzunehmen. Er wollte vollkommen für sein erstes Kind da sein, aber auf keinen Fall für ein weiteres. Auch nicht mit einer anderen Frau. Er beschrieb die erste Phase (ca. 1 Jahr), in der die Babys viel schlafen und Wickeln eine der vorherrschenden Aufgaben ist, als nervig. Das wollte er nicht nochmal erleben.

Würde ich es alleine mit Kind schaffen?

Zudem stellte er infrage, ob ich es überhaupt schaffen würde, mich alleine um ein Kind zu kümmern. Ich habe das Ziel, selbständig/freiberuflich zu arbeiten und nicht mehr angestellt. Er beschrieb mich als naiv bei dem Gedanken, dass ich Kind & Business parallel schaffe. Auch als ich ihm versicherte, dass ich schon viele extreme Herausforderungen in meinem Leben gemeistert habe, belächelte er mich eher. Seine Worte trafen mich hart.

Tief in mir hatte ich die Zuversicht, alles zu schaffen. Schließlich bin ich eine starke Löwin.

Zu viel Empathie für den Vater

Mir war zum Heulen zumute und ich versuchte, die Fassung zu behalten. In dieser perfekten Kulisse in der wunderschönen Natur, mit all den glücklich scheinenden Familien, fiel das sehr schwer. Und ich fühlte mich, als würde ich sein Leben zerstören. Nach seinen Worten war das nur verständlich. Dennoch kann ich rückblickend sagen, dass ich viel zu sehr in der Empathie ihm gegenüber war. Er hingegen mir gegenüber nicht. Bei der Entstehung des Kindes waren schließlich wir beide beteiligt.

Nach ca. 4h Spaziergang und Gespräch endeten wir mit der Vereinbarung, uns in einer Woche erneut zu treffen. Bis dahin wollte ich mich entschieden haben, ob ich einen Abbruch vornehmen lasse oder das Kind bekomme.

Zwei entscheidende Fragen

Die Woche war emotional sehr intensiv. Die größte Stütze war eine Freundin, die ebenfalls „ungeplant“ schwanger geworden war und zwischen zwei Männern stand. Diese ähnliche Situation verband uns sehr, wenngleich wir bis dahin eher Bekannte waren. Bei der Diskussion „Kind behalten oder Abbruch“ stellte sie mir zwei Fragen: „Kannst du dir einen Abbruch vorstellen?“, und „Kannst du dir vorstellen, das Kind zu lieben?“ Beide Fragen konnte ich eindeutig beantworten. Sie sagte, dass ich mehr nicht wissen müsse und der Rest sich automatisch ergebe und füge. Somit war die Entscheidung klar. Ich wollte die Schwangerschaft aufrechterhalten und der Natur ihren Lauf lassen.

Das dritte und letzte Gespräch war hart

Wie verabredet traf ich Hugo erneut. Dieses Mal in einem Café an der Promenade am Meer. Er war sichtlich nervös und schaute immer wieder verstohlen auf meinen Bauch. Ich trug nur noch weite Oberteile, da ich mich so unwohl in meiner Haut fühlte und hatte dennoch das Gefühl, dass man mir die Schwangerschaft an der Nase ablesen konnte. Natürlich sah man in der 8. Woche noch nichts.

Im Café teilte ich ihm mit, dass ich in die Schwangerschaft nicht eingreifen werde. Kaum hatte ich dies ausgesprochen, sprang er auf, bezahlte und ging raus an die frische Luft. Er hatte mit der Entscheidung bereits gerechnet, aber es überforderte ihn nach wie vor. Eine Weile standen wir noch an der Promenade und neben einigen Wortfetzen herrschte viel Schweigen. Skurriler weise marschierte gefühlt der ganze Kindergarten des Ortes in Grüppchen an uns vorbei. Dieser Anblick sorgte für das einzige Lachen in unserem Gespräch, wenn auch ein sarkastisches.

Letzter Ausweg Adoption?

Gefühlt vor lauter Verzweiflung und getrieben von seinen Ängsten schlug Hugo vor, das Kind zur Adoption freizugeben. Dann müsse ich in die Schwangerschaft nicht eingreifen. Er nannte es Kompromiss.  Das Kind würde leben, aber eben unsere Leben nicht beeinflussen. Ich entgegnete ihm, dass dies kein theoretisches Projekt sei, das wir hier mal skizzieren, sondern bereits „Live“ stattfinde. Für mich fühlte es sich an, als würde der BWLer in ihm die Kontrolle übernehmen und sein Herz kalt sein.

Vertrauen ins Leben

Ich sagte, dass ich ihm wünschen würde, mehr im Vertrauen ins Leben und in den Lauf der Dinge zu sein. Ich selbst komme von Jahr zu Jahr mehr in die Zuversicht, dass das Leben für uns ist und nicht gegen uns. Und dass jedes Jahr einfach besser wird, wenn die Wellen reiten, die sich uns zeigen und uns nicht in Ängsten verlieren. Das war der Moment, in dem er ging. Er sagte, es sei ihm alles zu viel.

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