Introduction

Die Mädchenfrage

Die Mädchenfrage

Was wir heute tun, ist eigentlich etwas illegal in Deutschland.

Heute bekommen wir nicht nur die NIPT Ergebnisse. Wir erfahren auch das Geschlecht unseres Kindes. Zumindest das genetische.

Wir haben bei der NIPT die Option dazu gewählt, die Geschlechtschromosomen bestimmen zu lassen. Nicht als Ausschluss von Anomalien, sondern spaßeshalber, als eine Art biomolekularen Gender Reveal.

Per se ist das natürlich nicht illegal. Allerdings der Zeitpunkt, an dem wir es erfahren: Ich bekomme den Umschlag mit den Ergebnissen noch vor Ende der 14. Schwangerschaftswoche. Weil unsere beratende Ärztin die Schwangerschaftswoche anders berechnet hat, mit einem nicht zu übersehenden theatralischen Augenzwinkern. Die drei Tage.

Im Vorfeld werden wir, quasi als Newsticker, immer wieder mit Updates gefüttert, wie weit denn die Analysen seien. Dass alles gut aussehe, Entwarnung hier, Entwarnung da. Fast schon etwas undramatisch. Auch die Geschlechtschromosomen seien, so viel wurde uns schon mal verraten, ganz langweilig, normal, unauffällig. Fragt sich nur noch, ob Junge oder Mädchen. XY oder XX.

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Ich habe seit Beginn der Schwangerschaft das Gefühl, es wird ein Junge. Ich erzähle auch Georg davon. Gleich am Anfang, bei unserem ersten Schneespaziergang. Bei der Namenssuche beginnen wir mit Jungennamen – es erscheint uns schwieriger, als Mädchennamen. Daher wollen wir erstmal das „schwierige“ hinter uns bringen. Für die Mädchennamen – die sollten ja fix gehen – haben wir ja noch Zeit.

Mit einem dicken Umschlag komme ich nach Hause. Gender Reveal Partys sind eigentlich echt nicht unser Ding. Bisher gab es nicht mal einen Reveal, dass ich schwanger bin; unsere Familien und Freunde sind bisher ahnungslos. Pinkes Konfetti oder blaue Luftballons haben wir nicht besorgt, aber so ein bisschen feiern, dass wir erfahren, was da brütet, zumindest im Zweierkreis, wollen wir dann doch ein wenig.

Erstmal einkaufen, Blumen, Schokolade, Kuchen, und irgendwas zum Anstoßen. Womit sollen wir denn überhaupt anstoßen?

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Ich stoße eigentlich gerne mit Sekt an. Auch, wenn ich weiß, dass es mir oft schwerfällt, es bei einem Anstoßen oder einem Glas zu belassen, über Tage und Wochen und Monate hinweg. Aber manchmal geht es, manchmal passiert nichts, es läuft nicht aus dem Ruder. Mit meiner genderlosen, momentan noch imaginären Kugel (man sieht noch nichts) ist Sekt natürlich nicht drin. Wir kaufen alkoholfreien Sekt. Trinken wir tatsächlich ganz gerne mal, auch wenn ich damit früher, zugegebenermaßen, oft einen Sektgeruch versteckt habe. Sich mit Sekt betrinken und vor anderen den alkoholfreien trinken, „boah, ich riech‘ irgendwie trotzdem so nach Sekt“ – es ist erbärmlich, wie leicht so etwas durchgeht.

Ob ich aber wirklich den alkoholfreien Sekt will, jetzt? Irgendwas verstecken werde ich jetzt bestimmt nicht. Ich bin, hier am Getränkeregal, nicht sicher. So ein bisschen Restalkohol ist ja trotzdem drin. Und, auch wenn das paranoid klingen mag, der Geschmack. Der Geschmack ist ja trotzdem da. Wenn das Baby über das Fruchtwasser das schmeckt, was ich esse und trinke, möchte ich dann das Baby auf den Geschmack von Sekt gewöhnen, auch wenn er alkoholfrei ist?

Möchte ich wirklich diesen Geschmack von Sekt haben, jetzt, möchte ich an Alkohol erinnert werden, möchte ich so tun als ob?

Wir nehmen auch eine Flasche einer überteuerten Kinderpartyschorle mit. Die Flasche ähnelt stark einer Sektflasche. Hierzu ein anderes Mal mehr.

Georg kann ja trinken und ich will ihm das auch nicht verbieten. Nicht, dass er groß darauf besteht oder Lust hat. Ich überrede ihn, für uns was „Richtiges“ zu trinken. Wir einigen uns auf rosa Cava, wenn es ein Mädchen wird, und ein Bier, wenn es ein Junge wird.

Daheim haben wir bereits seit Tagen, an Playlists gearbeitet. Die Musikauswahl war auch auf unserer Hochzeit monatelange Arbeit. Nun sind wir gewappnet mit einer Boy- und einer Girl-Playlist. Ein letztes Mal stelle ich Georg die Gretchen- bzw. Mädchenfrage – ob er sich eher einen Jungen oder ein Mädchen wünscht. Er hat immer noch keine Präferenz. Ich auch nicht.

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Ein tiefes Durchatmen, und dann ist es so weit. Wir machen den Umschlag auf.

Und es ist … erstmal ein Haufen an zusammengetackerten Blättern mit verschiedenen Anamnesen, auch über meinen Karyotyp. Endlich finden wir den Blätterstapel, in dem es um das Baby geht. Kein Hinweis auf Trisomien. Kein Hinweis auf Aneuploidie. Kein Hinweis auf Mikrodeletionen. Kein Nachweis Y-chromosomaler DNA, hinweisend auf weibliches Geschlecht.

Ich schaue Georg an. Wir kriegen ein Mädchen.

Während ich nicht wie erwartet David Bowie, sondern Cyndi Lauper spielen lasse, ist Georg komplett verwirrt. „Was, wieso, wo siehst du das?“

Da steht es noch, kein Nachweis Y-chromosomaler DNA, hinweisend auf weibliches Geschlecht.

Es folgt eine Dekonstruktion der deutschen Grammatik – Denn auf was bezieht sich hier das Partizip im Nebensatz, wie war das mit der Genetik, warum zeigt Y-chromosomale DNA weibliches Geschlecht an – Georg, der einen Doktortitel in Biowissenschaften hat, ist verwirrt. Aber nach etwa zwei Minuten off topic kommt die Botschaft langsam auch bei ihm an: Es brodelt da ein Mädchen.

Neun Wochen lang verhärtete sich unsere Überzeugung, dass es ein Junge wird. Meine Sicherheit ging auf Georg über. So sehr, dass wir jetzt etwas ungläubig dastehen. Für den Bruchteil eines Moments trauere ich um den Sohn, den ich gefühlt hatte, verabschiede mich. Die Freude über eine Tochter ist immens.

Während Thomas Dolby zu spielen beginnt, ärgert sich Georg weiter über die eigenartige Formulierung des Befunds, dass da nicht einfach Junge oder Mädchen steht. Oder zumindest XX oder XY. Keinnachweisychromosomalerdnahinweisendaufweiblichesgeschlecht … Wiederholt er motzig.

Wir stoßen an. Ich mit der Schorle, er mit dem alkoholfreien Sekt. Und freuen uns darüber, dass wir nun ein ganz klein wenig mehr, ein herrlich unwichtiges Detail über unseren Popel wissen. Den Alkohol im Kühlschrank vergessen wir an dem Abend ganz.

 

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