Introduction

Darf ich Alkohol vermissen?

Leere Bar - Alkohol vermissen

Darf ich Alkohol vermissen?

Ich habe lange hin und her überlegt, wie ich an diesen Beitrag herangehe. Oft war ich kurz davor, den Laptop zu öffnen und mit dem Schreiben zu beginnen und dann hat mich doch immer wieder irgendwas davon abgehalten. Doch nun ist es an der Zeit, meine Gedanken und Gefühle endlich einmal auf Papier – bzw. wohl eher auf den Bildschirm – zu bringen. Dazu aber erstmal zurück an den Anfang.

Mein Lockdown 2021

Seit Mitte Dezember sind die Kitas dicht und ich mit unserer kleinen Tochter zu Hause. Darüber habe ich bereits in diesem Beitrag zum Lockdown mit Kleinkind geschrieben. Anfangs gelang es mir sehr gut, die zusätzliche Zeit mit unserer Kleinen einfach zu genießen. Dadurch, dass ich Urlaub hatte, fühlte es sich wie eine kurze Elternzeit 2.0 an. Wir waren viel draußen unterwegs und in der Zeit, die ich für mich hatte, arbeitete ich viel an meinem eigenen Blog oder anderen Projekten.

Doch die Feiertage kamen und gingen, das Jahr 2021 begann und in der zweiten Januarwoche startet ich zurück in den Job. Man muss schon fast sagen: „glücklicherweise“ bin ich gerade mit 80% in Kurzarbeit, sodass ich neben Kinderbetreuung und Haushalt „nur“ 5 Stunden zum Arbeiten freischaufeln muss. Doch nachdem nun mein Mann in der vergangenen Woche geschäftlich unterwegs und ich mit Kleinkind alleine zu Hause war, muss ich mir eingestehen: Es reicht mir. Ich will nicht mehr! Mein Job ödet mich an, ich kann mich kaum motivieren, geschweige denn konzentrieren, weil ich mit großen Projekten in den wenigen Stunden hier und da ohnehin nicht voran komme. Und das Miteinander mit den Kollegen fehlt am allermeisten.

Dann kam wurde gestern noch die Kirsche auf der Sahne platziert: die Kündigungswelle ist angerollt. Die Branche, in der ich arbeite, ist extrem stark von der Corona-Krise betroffen. Nachdem nun schon die gesamte Belegschaft in Kurzarbeit ist, wurden gestern die ersten drei Personen aus meinem Team entlassen. Einfach so. Von heute auf morgen. Weg sind sie. Tschüss! Ihr habt gute Arbeit geleistet, aber wir müssen jetzt leider Kosten sparen. Ob und wann es auch mich erwischt. Wer weiß. Und das ist er nun, mein Lockdown 2021. Was mich zurück zu meiner Eingangsfrage bringt.

Darf ich Alkohol vermissen?

Was ich in dieser Situation so sehr vermisse, ist einfach mit guten Freunden in einer schummerigen Bar zu sitzen und ein kaltes Bier zu trinken, mich über die Arbeit auslassen und dann aber auch mal den Frust zu vergessen. Dann würde ich mir kurz die Jacke überzuziehen und draußen in der eisigen Nachtluft eine meiner seltenen Gelegenheits-Zigaretten zu rauchen. Wenn gerade die Finger eisig geworden sind, gehe ich zurück ins Warme, wo sofort die Brille beschlägt und irgendjemand am Tisch die nächste lustige Geschichte auspackt.

So einen Abend habe ich nun seit fast drei Jahren nicht mehr erlebt. Im Frühjahr 2018 wurde ich schwanger, damit waren Alkohol und Zigaretten natürlich erst einmal tabu. (Mehr zu meiner Schwangerschaft in diesem Beitrag.) Im Januar 2019 kam meine Tochter zur Welt, die ich über ein halbes Jahr voll und bis Januar 2020 noch nachts gestillt habe. (Alkohol? Nö!) Und kurz danach kam Corona. Der erste Lockdown war da. Im Sommer wurden zwar die Maßnahmen gelockert, aber meine Tochter war noch sehr Mama-bezogen und ich nicht bereit, nachts von ihr getrennt zu sein. Und nun, da sie sich auch super von Papa ins Bett bringen lässt und endlich die Zeit wäre, auch einmal Zeit für mich zu haben, hat Corona leider das Land fest im Griff. Kein Essen mit Freunden. Überhaupt kein Restaurantbesuch. Keine Bars, keine Clubs, keine Cocktails. Was bleibt, ist ein Glas Rotwein abends auf der Couch, immer mit einem halben Auge auf dem Babyphone.

Darf man Alkohol vermissen?

Photo by Ashley Byrd on Unsplash

Immer dieses Positiv-bleiben

Eigentlich bin ich ja ein positiver Mensch. Mir ist mehr als bewusst, dass dieser gesamte Beitrag Jammern auf hohem Niveau ist. Keiner meiner Liebsten ist bisher an diesem Virus erkrankt, der Großteil meiner Familie arbeitet bequem von zu Hause aus und wir haben alle ein warmes Dach über dem Kopf. Ich weiß, dass dieser Lockdown absolut richtig und wichtig ist und damit wahrscheinlich vielen Menschen das Leben gerettet wird. Und dennoch schaff ich es einfach manchmal nicht mehr, eine positive Einstellung zu behalten. Ich vermisse gemeinsame Abende mit Freunden, das Lachen, die Leichtigkeit, tanzen gehen und ja, eben auch den Alkohol. Nicht um des Alkohols willen, sondern weil er halt in manchen Gelegenheiten so dazu gehört.

Und gleichzeitig frage ich mich. Darf ich das? Bin ich egoistisch, wenn ich in so einer Situation daran denke, wie schön es wäre, mir mal wieder einen hinter die Binde zu kippen während Menschen im Krankenhaus liegen und sterben? Immerhin bin ich gesund. Meine Familie ist gesund. Und noch haben wir auch allesamt einen Job.

Dennoch habe ich für mich beschlossen. Ja, ich darf das. So lange ich natürlich trotzdem meinen Beitrag leiste, indem ich mich an alle Regeln halte. Dann darf ich auch trotzdem mal genervt und traurig sein und sogar auch ein bisschen den Alkohol vermissen. Denn ich bin auch nur ein Mensch. Ein Mensch, dem dieser Lockdown auch einfach zu schaffen macht.

Titelbild: Photo by bantersnaps on Unsplash

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