Introduction

Eine Geschichte vom Teilen müssen

Eine Geschichte vom Teilen müssen

Eine Geschichte vom Teilen müssen

Eskalationsstufe: Schaufeldiebstahl! 

Neulich war ich mit beiden Kindern auf dem Spielplatz. Während ich den Kleinen in die Trage einband, bemerkte ich, wie sich im Sandkasten ein Konflikt anbahnte. Ein kleiner Junge, vermutlich zwischen ein und eineinhalb Jahren alt, nahm meiner Tochter immer wieder die Schaufel weg, die wir extra von zu Hause mitgebracht hatten.

Anstatt ihrem Jungen deutlich zu machen, dass man anderen Kindern nicht einfach ohne zu fragen etwas wegnehmen kann, versuchte die Mutter des Kleinen mit meiner Tochter zu argumentierte. „Du brauchst doch die Schaufel gerade gar nicht. Die kannst du doch abgeben.“

Meine Tochter, sehr willensstark, nahm dem Jungen die Schaufel jedoch immer wieder weg. Es ist schließlich ihre. Und ich gebe ehrlich zu: ich war in dieser Situation ein bisschen stolz auf sie. Diejenigen Eltern, die jetzt direkt denken: „Toll, so werden also Arschloch-Kinder erzogen!“ muss ich zurück fragen: Warum sollte meine Tochter in dieser Situation das Arschloch sein? Warum sollte sie ihre Schaufel einfach hergeben? Und warum glaubt eine wildfremde Frau, das für meine Tochter, ein eigenständig denkendes Mädchen entscheiden zu können? Und sich zudem über sie zu erheben und sie zu belehren?

Meine Tochter muss nicht teilen 

Von einem Erwachsenen würde man nie im Leben erwarten, dass er mit einer wildfremden Person sein Handy, Auto oder ein anderes geliebtes „Spielzeug“ teilt. Was soll das also mit diesem teilen müssen? Unsere Kinder sollen dazu gezwungen werden? Ohne, dass man sie wenigstens freundlich darum bittet? Finde ich absolut nicht. Meine Tochter muss nichts teilen, was sie nicht teilen möchte. Erst recht nicht, wenn sie nicht einmal gebeten wird, sondern es ihr einfach weggenommen wird. Die Mutter des Jungen hätte ja durchaus für ihn fragen können, ob er sich die Schaufel kurz ausleihen dürfte, anstatt das Teilen von ihr einzufordern. Er ist schließlich selbst noch nicht dazu in der Lage, hätte aber so einen wichtigen Einblick in normales menschliches Miteinander bekommen können. Wo Erwachsene mit Kindern respektvoll umgehen. Dann hätte meine Tochter wahrscheinlich sogar zugestimmt. Sie teilt nämlich echt gern! Als vergangenes Wochenende ihre gleichaltrige Cousine zu Besuch war, hat sie sämtliche Spielsachen, Kindergeschirr und ihre Lieblingshandtuch mit großer Begeisterung geteilt. Regelmäßig sortiert sie auch Dinge aus, für die sie schon zu groß ist und gibt sie an ihren kleinen Bruder. Von wegen Arschlochkind!

Teilen müssen? Nein, die Freude am Teilen vorleben!

Die Freude am Teilen kann man eben nicht erzwingen, sondern lediglich vorleben und durch das Selbst-erleben vermitteln. Durch teilen müssen erreicht man meiner Meinung nach genau das Gegenteil.

So teilen mein Mann und ich beispielsweise im Restaurant gern unterschiedliche Speisen miteinander und zum Dessert gibt es einen Kaiserschmarrn mit drei Gabeln für alle – zum teilen. Das hat sich unsere Tochter so schön abgeschaut, dass sie nun jeden Morgen aus ihrem Müsli von jeder Komponente jeweils ein Stück für uns zum kosten bereitlegt. (Natürlich schmeckt es jeden Morgen gleich, weil es jeden Morgen das gleiche Müsli ist, aber trotzdem oder gerade deswegen finde ich es unheimlich süß von ihr.)

Die Situation im Sandkasten endete übrigens so folgendermaßen. Die Mutter des Jungen hob ihn demonstrativ von meiner Tochter weg und verkündete – natürlich an mich gerichtet: „Komm weg von dem Mädchen. Das ist sehr egoistisch!“ Ich blieb hingegen freundlich und wünschte ihr viel Freude mit ihrem Kind, wenn dieses erstmal die Autonomiephase erreicht.

 

Titelbild: Photo by Markus Spiske on Unsplash

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